Eindrücke der mitwirkenden Autorin Heike Ellermann

Heike Ellerman hat ihre persönlichen Ehrfahrungen wie folgt zusammengefasst:

„Projekt: Frühkindliche Leseförderung - Workshops von Autorinnen und Autoren in Kindertagesstätten

„Meine Mama hat mir schon von dem Buch erzählt“, „Mein Papa war gestern in der KITA, der hat dich gesehen“, „Du hast gestern abend den Eltern auch was von den Bären vorgelesen“ ...
So und ähnlich empfingen mich die Fünfjährigen, die am Morgen auf ihren Stühlchen im Kreis saßen und einer Autorin zuhörten, die ihre Eltern am Abend zuvor bereits kennengelernt hatten: bei einem Elternabend zum Thema frühkindliche Lesefördrung/Lesemotivation.

Diese Kombination der beiden Zielgruppen „Kinder und Eltern“ innerhalb eines Projekts hatte ich bereits bei Workshops der Mütter-Kind-Kuren in den Heimen des Mütter-Genesungswerkes kennengelernt. Ich war damals (1992-1995) mehrfach als Autorin/Illustratorin des Friedrich-Bödecker-Kreises jeweils einen Tag lang in diesen Institutionen tätig. Das im Dezember 2005 in Hannover durchgeführte Projekt zielte in die gleiche Richtung: Das Medium Bilderbuch zu einer „gemeinsame Sache“ von Kindern und Erwachsenen zu machen.

Zunächst zum Elternabend: Die etwa 20 in der KITA versammelten Eltern und Erzieherinnen sollten - ebenso wie die Kinder - neue Bilderbuchgeschichten kennenlernen; ein eigenes Lese-Erlebnis der Erwachsenen war intendiert. Auch ihnen - wie am nächsten Vormittag ihren Kindern - wurde das Bilderbuch “Das Eisschloss“ vorgelesen, das Buch „Der dritte Bär“ mit Dias präsentiert, das „Bärenlied“ nach der Buchvorstellung als Cassettenaufnahme vorgespielt ...
Die Erwachsenen erfuhren darüberhinaus,  w i e  ich das jeweilige Bilderbuch ihren Kindern vorstellen würde: in erzählender Weise, unter Einbeziehung der Kinder - nach dem Tempo, das die Vorlesesituation vorgibt. Ich erläuterte, warum ich so oder so verfahre, welche Erfahrungen ich bereits in Kindergärten mit der Geschichte gemacht habe (ohne die methodisch/didaktischen Überlegungen mit Theorie zu überfrachten). Erlebnisse und Anekdoten, die mit der Entstehung der Bilderbücher zu tun hatten, berichtete ich den Erwachsenen ebenso wie auch am nächsten  Morgen den Kindern.
Die Kommentare über das Gehörte waren bei einigen Müttern und Vätern durchaus auch kritisch. Es entspann sich im Laufe des Abends eine lebhafte Diskussion über Buchinhalte für Vorschulkinder, Individualität einzelner Kinder, Altersstufen, Märchen, Gewaltphantasien etc.
In der Kindergruppe am darauffolgenden Vormittag waren 5-6jährige Kinder die Zuhörerinnen und Zuhörer; jeweils eine Gruppe von 12-15 saß auf Stühlen und Turnmatten. Zwei Geschichten standen im Mittelpunkt: „Das Eisschloss“ (passend zur Jahreszeit) und „Der dritte Bär“. In dem Bilderbuch „Das Eisschloss“ (Text Marjaleena Lembcke) wurde als Einstimmung die winterliche Atmosphäre der Handlung „fühlbar“ gemacht: Wie geht es uns, wenn wir frieren? Wir ziehen uns nach und nach „winterfest“ an. Das Buch spielt in einem kalten Land: Wie sieht es dort aus? Wie sieht ein Eisschloss aus?

Die Vorerfahrungen der Kinder wurden einbezogen; erzählend wurde die Handlung Bild für Bild weiterentwickelt. Das traurige Ende der Geschichte (alle Schlossbewohner mitsamt ihrem Schloss schmelzen, wenn der Frühling kommt) wurde „weitergesponnen“: Wenn wieder Winter ist, was macht die Königsfamilie als erstes? Sie gehen an die Arbeit, haben Hunger und Durst, machen eine Party mit Musik. Der dramatische Verlauf bekam auf diese Weise einen versöhnlichen Ausgang. Die Kinder - und auch die Erzieherinnen - wurden nach ihren „Lieblingsjahreszeiten“ gefragt; nannten Gründe.

Beim zweiten Bilderbuch „Der dritte Bär“ war mein Einstieg ein eigenes schwarz-weiß Kinderfoto mit Teddy. In der Bärengeschichte, in der zwei Teddybären einen Pandabären wegen seines andersfarbigen Fells ausgrenzen, geht es um „Anderssein“ und auch die Fragen: Wie entsteht Aggression? Wohin führt sie? Auch hier wurde Schritt für Schritt (bei diesem Buch über eine Diaprojektion) zusammen mit den Kindern die Handlung entwickelt - unter Einbeziehung der Varianten und  Ideen, die die Kinder einbrachten. In beiden Gruppen beteiligten sich die Kinder aktiv. Die Kinder, denen die Aufnahme des Gehörten schwer fiel, hatten durch die großformatigen Bilder eine Verständnishilfe; sie konnten dem Verlauf der Handlung trotzdem folgen. Bei dem Lied, das die Geschichte rekapitulierte, machten die Kinder begeistert mit: bei den Bewegungen und dem Singen des Refrains.
Das beschriebene Projekt lief in dieser KITA vorbildmäßig ab; bestimmt auch deshalb, weil alle Beteiligten in Sachen „Bilderbuch“ im Laufe der Jahre viele Erfahrungen gesammelt hatten; regelmäßiges Vorlesen von Bilderbüchern gehört dort seit langem ins Programm.  
Ein Elternabend, bei dem das Thema “frühkindliche Leseförderung“ Hauptthema ist, wird sich in Kindertagesstätten mit einem hohen Migrantenanteil oder schwierigem sozialen Hintergrund der Elternhäuser schwer organisieren lassen. Eine Zusammenarbeit mit den Stadtteilbibliotheken, die Zusammenstellung von Bücherkisten, Besuche in den Bibliotheken mit den Kindern, Informationsmaterial, punktuelle Ansprache der Eltern (wie es durch den Bödecker-Kreis in einer weiteren Kindertagesstätte geschah; hier ist die Zusammenarbeit der KITA mit der nahen Bibliothek besonders hervorzuheben; die Bibliothekarin war den ganzen Vormittag bei den Lesungen dabei - ein Zeichen für den bereits bestehenden guten Kontakt), das alles wären lese-förderliche Maßnahmen.
Die Begegnung mit Büchern in einem Alter, das noch nicht Lese-Alter ist, das wäre als Vorbereitung aufs richtige Lesen höchst sinnvoll. Bücher kämen in die Rolle von „Alltagsmedien“; Spaß und Interesse an Büchern könnten Gemeinschaftserlebnisse in den Familien sein. Und wenn eine Buchbegegnung gleichzeitig eine Begegnung mit Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren ist, kann dieses Projekt zu nachhaltigen „Lese-Erlebnissen“ führen, das später einmal „Leser“ und warum nicht auch „Leseratten“ hervorbringt...
Nach  meinem Besuch gab es an den Abendbrottischen der KITA-Familien vielleicht die folgenden Gespräche:  „Mama, ich habe die Frau mit den Büchern auch kennengelernt“,  Papa, findest du nicht auch, dass die Teddys echt fies waren zu dem Panda?“ „Die Geschichte mit dem Eisschloss, die war echt cool!“
„Na, echt cool, das waren sie, die workshops in den KITAS.“ Das meint die mitwirkende Autorin ...“

Mit der Landesgeschäftsstelle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) haben im Jahr 2005 Gespräche zur Vorbereitung einer Kooperation im Bereich Veranstaltungen in Kindertagesstätten zur Leseförderung stattgefunden. Wir hoffen, dass sich dieser Bereich in den nächsten Jahren zu einer Schwerpunktaktivität des Friedrich-Bödecker-Kreises ausweiten lässt.